Clubhouse: Kurzzeitiger Hype oder ernstzunehmende Plattform?

Noch vor wenigen Wochen komplett unbekannt, könnte Clubhouse der neue Star unter den sozialen Netzwerken werden. Unser Geschäftsführer Sebastian hat sich mit der App beschäftigt, er gibt hier seine Eindrücke wieder und beantwortet die wichtigsten Fragen zum Clubhouse-Network.

Was ist Clubhouse?

Clubhouse ist in der Tat anders als alle anderen sozialen Netzwerke. Ich würde es beschreiben als „interaktives Live-Radio“ oder „App für Gesprächskreise“. Es geht dabei ausschließlich um Audio, in aller Regel sind es Debatten zu einem bestimmten Thema. Kein Video, keine Bilder, keine Likes und keine Kommentare.

User können entweder Zuhörer, Sprecher oder Moderator sein. Jeder User kann Räume eröffnen. Dort findet jeweils zu einer festgelegten Uhrzeit (oder auch spontan) die Debatte statt. Die „Sendung“ ist dann live. Die Steuerung übernimmt der Moderator. Der Moderator kann Zuhörer zu Sprechern machen. Die Sprecher referieren dann zu dem bestimmten Thema, Zuhörer können sich mit der Funktion „Hand heben“ dann als Beitragende oder Fragende einbringen. D.h. der Moderator kann Zuhörer auf die „Bühne“ nehmen und zu Sprechern machen und ebenso wieder von der „Bühne“ nehmen.

Was ist das Besondere?

Die Dynamik

Bemerkenswert an Clubhouse ist ganz sicher die Dynamik. Erst seit wenigen Tagen in Deutschland verfügbar, startet Clubhouse wie eine Rakete durch. AboutYou-Gründer und Digital-Koryphäe Tarek Müller kam binnen weniger Tage auf über 30.000 Follower. Mega-Unterhalter Joko Winterscheidt sogar auf über 70.000 Follower. Wohlgemerkt: In gerade einmal 10 Tagen auf einer komplett neuen Plattform!

Promis und Normalos

Durch die gute Vernetzung kann es sein, dass bei einem Talk über Fußball plötzlich Toni Kroos oder André Schürrle als Zuhörer dabei sind. Oder bei einem Unternehmergespräch Carsten Maschmeyer oder der eben erwähnte Tarek Müller. Clubhouse ist also total nahbar und man ist mit tollen, inspirierenden Menschen auf Augenhöhe und in direktem Gespräch. Auch wenn es nicht jedes Mal ein Star sein wird…

Interaktivität

Anders als bei LinkedIn oder Instagram geht es bei Clubhouse um den reinen Dialog, eine Debatte. Die Gespräche die ich mitverfolgt habe, waren zudem alle sehr konstruktiv und die Teilnehmer durchweg mit Anstand (Grundregeln wie Ausreden lassen, Höflichkeit usw.).

Ziele & Zielgruppe

Jeder Teilnehmer kann seine Themen wählen. Mein erster Eindruck war, dass es vor allem Themen wie Digital, Start-ups, Unternehmertum und Wellbeing sind, die in Clubhouse stattfinden. Das ist aber zu kurz gegriffen: es geht ebenso um gesellschaftliche Themen, Sport, Religion usw. Und mit dem Wachstum der Community wird sicher auch die Themenvielfalt wachsen.

Wie kann ich mich anmelden?

Der Zugang ist insofern limitiert, als dass man sich nur nach persönlicher Einladung eines anderen Teilnehmers anmelden kann. Jeder User kann zudem tatsächlich nur zwei Personen einladen. Man kann sich aber registrieren und – sofern man den Zugriff auf das eigene Telefonbuch erlaubt – erhalten Kontakte aus meinem Telefonbuch, die bereits bei Clubhouse sind, eine Information und können dann eine Einladung aussprechen (natürlich nur, wenn sie selbst noch keine zwei Einladungen ausgesprochen haben).

Wie ist die Reichweite von Clubhouse?

Der extreme Hype in Deutschland ist beeindruckend. Vermutlich überrascht es die Macher von Clubhouse selbst. Denn obwohl die App in den USA bereits 2020 gestartet ist, ist der Hype – nach allem was mir bekannt ist – selbst in den USA nicht so extrem wie aktuell in Deutschland.

Wer steckt dahinter?

Hinter Clubhouse steckt das Unternehmen Alpha Exploration, gegründet von Paul Davison (zuvor bei Pinterest) und Rohan Seth (zuvor bei Google). Die App kam im Frühjahr 2020 auf den Markt und gewann sogleich ein Investment von mehr als 10 Millionen Dollar. Zu diesem Zeitpunkt wurde die App trotz nur weniger Tausend Nutzer bereits auf etwa 100 Millionen Dollar geschätzt. Die App ist immer noch im Beta-Stadium (Version 0.1.24), Ende Dezember hatte sie 600.000 Nutzerinnen und Nutzer.

Welche Geschäftsmodell hat Clubhouse?

Wie das Geschäftsmodell aussieht, mit dem das Unternehmen hinter der App langfristig Geld verdienen könnte, ist noch unklar. Möglicherweise Audiowerbung, die den Talks vorgeschaltet wird? Schwierig, wie man bei Podcasts sieht. Denn Audio ist ein „Entweder-Oder-Kanal“! Auf einer Website hingegen, kann man Content und Werbung gleichzeitig anzeigen lassen, bei Audio geht das nicht. Denkbar wäre aber langfristig, dass entweder ein großer Audio-Anbieter wie Spotify Clubhouse integriert oder dass Unternehmen für Räume bezahlen müssen, während Privatpersonen die App und Räume kostenlos nutzen können. Das ist aber alles komplett offen und zum aktuellen Zeitpunkt völlige Spekulation.

Gibt es Kritik an der App?

Zwei Punkte kommen bei der Kritik am Häufigsten: zum einen, dass es die App bislang nur für iOS gibt. Keine Ahnung, warum das so ist, dazu habe ich auch keine Informationen gefunden. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass Clubhouse darauf mittel- oder langfristig verzichten kann. Zum anderen wird der Datenschutz genannt. Die App wird in den USA betrieben und ist damit nicht DSGVO-konform. Zudem sollte man für das richtige und effektive Nutzen der App den Zugriff auf das eigene Telefonbuch erlauben. Es ist nicht bekannt, in welcher Form diese Daten genutzt werden.

Tipp: wie entwickelt man eine „Followerschaft“ auf Clubhouse?

Zunächst kann man sich vernetzen, ähnlich wie bei anderen Plattformen auch. Dazu kann man nach konkreten Namen suchen oder die Follower-Liste eines jeden Mitglieds durchforsten und anderen Teilnehmern folgen. Eine besondere Dynamik entsteht jedoch, wenn man eine „Bühne“ betritt und Sprecher in einem Raum ist. Denn in dem Moment, in dem man als Sprecher markiert wird, bekommen ALLE Follower des Sprechers eine Push-Notification. Beispiel: Wenn ich selbst Sprecher in einem Raum werde, erhalten alle meine Kontakte automatisiert eine Push-Nachricht, dass ich eine „Bühne“ betreten habe. Das führt zum einen dazu, dass sich Räume in diesem Moment noch weiter füllen (insbesondere bei Influencern mit vielen Followern). Zum anderen wird der Sprecher mit dem Betreten der „Bühne“ von allen wahrgenommen und – bei entsprechend interessanten Inhalten – auch von Teilnehmern der Runde „geaddet“. Wer also schnell eine hohe Reichweite für sich ausbauen möchte, sollte guten Content haben und diesen als Sprecher vortragen sowie sich in vielen Sessions einbringen.

Fazit: Welche Relevanz hat es für Unternehmen?

Im Moment lässt sich das schwer sagen. Ist es nur ein kurzer Hype im Zuge von Corona und dem Bedarf der Menschen, sich live mit anderen auszutauschen oder ist es tatsächlich ein Netzwerk mit dem Potential von LinkedIn oder Twitter – in diesem Größensegment könnte sich meines Erachtens Clubhouse durchaus bewegen. Denn der direkte Austausch, die Nahbarkeit, das Debattieren auf Augenhöhe sind echte Treiber für eine tolle Dynamik und absolut bemerkenswert. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das für Marken und Unternehmen ein super interessanter Kanal wird, sofern sie an einem ehrlichen, offenen Austausch interessiert sind. Erste Unternehmen tun das auch bereits. Mein Tipp daher: selbst anmelden und einfach mal ausprobieren!