Facebook hat mein Twitter aufgefressen

Seit einiger Zeit bemerke ich eine Verlagerung meiner Online-Aktivitäten. Ich nutze immer mehr den Google-Dienst Picasa statt Flickr, weil man bei Picasa ganze Fotoalben runterladen kann. Wie oft habe ich mich schon darüber aufgeregt, dass mir Freunde einen Flickr-Link zu einem privaten Album schicken und ich diese Bilder dann nicht in einem Rutsch runterladen kann. Und, was ich am Anfang für unmöglich gehalten hätte: ich kommuniziere mittlerweile viel mehr über Facebook als per Twitter. Anfangs war ich Facebook gegenüber extrem skeptisch eingestellt und habe mich dort nur angemeldet, weil ich das irgendwie für meinen Job brauchte. Ich war ein großer Fan von Twitter: Das einfache Prinzip, das aufgeräumte Userface und der schnuckelige Fail-Whale sind einfach unschlagbar.

Aber.

Kann sich noch jemand an die Zeiten erinnern, in denen es die Tweets aufs Handy gab? Dieser defizitäre Dienst ist schon lange eingestellt, die Begrenzung auf SMS-kompatible 140 Zeichen ist aber immer noch der Kerngedanke von Twitter. Das hat Twitter erst zu etwas Besonderem gemacht und der Kreativität mancher User Flügel verliehen – es ist schon faszinierend, welche Geschichten und Anekdoten man mit solch wenigen Zeichen erzählen kann. Aber diese Begrenzung kann auch negativ sein. Während bei Twitter der Fokus auf Text liegt und man nur über Umwege Bilder posten kann (z.B. mit Twitpic), ist das bei Facebook alles problemlos möglich – jenseits von 140 Zeichen. Inklusive der Möglichkeit, Diskussionen mit mehreren Teilnehmern zu führen – was bei Twitter kaum bzw. gar nicht möglich ist. Wer schon mal versucht hat, bei Twitter einer Diskussion zweier Teilnehmer zu folgen, weiß wovon ich rede.

Facebook vs. Twitter

Ich persönlich habe das Gefühl, dass bei Twitter einfach kaum noch was geht. Twitter-Mittagessen sind rarer geworden, genauso wie die Twitterlesungen und andere direkt mit Twitter verbundenen Aktivitäten. Wenn einer meiner Freunde seine Twitter-Nachrichten auch bei Facebook einspeist, kommentiere ich sie nur noch bei Facebook. Der Dienst scheint seinen Zenit seit einigen Monaten überschritten zu haben – das sagen auch die Wachstumszahlen: Nach einem explosionsartigen Wachstum ist Twitter nun in der Stagnation angekommen. Und wenn sich meine Kommunikation von Twitter zu Facebook verlagert hat, passiert das Gleiche vielleicht auch bei einigen Millionen anderer User. Mittlerweile fällt es mir zunehmend schwerer, den Vorteil von Twitter zu verargumentieren. Auch wenn Kunden meinen, sie bräuchten unbedingt ein Twitter-Profil bin ich sehr skeptisch. Es kann für bestimmte Nutzungsarten noch sinnvoll sein. Aber insgesamt kommt mir Twitter vor, wie ein sinkendes Schiff – was den Nutzen für Marketingkommunikation angeht.

Wenn ich heute als Unternehmen zwischen Twitter, einem Blog und Facebook wählen müsste – ich würde mich ganz deutlich für Facebook entscheiden. Warum?

Facebook vs. Blog: Es ist so viel einfacher, einen Beitrag bei Facebook zu posten, als einen Blogartikel zu schreiben. Bei Blogs gilt es, sich ein Thema zu suchen, es zu recherchieren und darüber zu schreiben. Bei Facebook kann man auch kurze Häppchen veröffentlichen, z.B. ein Bild mit einem kurzen Text. Was eben gerade anfällt. Ohne den hohen Anspruch wie an einen Blogartikel. Zudem muss man sich bei Facebook kaum um die Technik kümmern.

Facebook vs. Twitter: Bei Facebook kann ich nicht nur Texte schreiben, sondern auch Videos und Bilder posten. Zudem gibt es bei Facebook mehr Engagement der User. Das liegt zum einen daran, dass Facebook sehr viel mehr User hat als Twitter und zum anderen daran, dass es einfacher ist, einen „Gefällt mir“-Button zu klicken, als eine Antwort per Twitter zu schreiben.

Facebook bietet derzeit einfach sehr viele Vorteile: Links werden gleich mit Anriss und Bild gepostet, man kann Videos online stellen, kommentieren usw. Diskussionen mit mehreren Teilnehmern sind möglich und auch später ist es einfach, Diskussionen nachzuvollziehen. Die Facebook-Apps sind eine riesige Spielwiese mit großem Potential. Die Nutzerzahl ist mit einer halben Milliarde extrem groß und die tägliche Verweildauer der User ist relativ hoch.

Klar ist, dass, so unvorstellbar es heute anmuten mag, auch Facebook irgendwann von einem anderen Player auf dem Markt überholt wird. Oder dass sich das Zeitalter der Social Networks womöglich irgendwann dem Ende entgegen neigt. Aber dann bin ich hoffentlich schon auf den nächsten Online-Dampfer aufgesprungen und rate Kunden dann von einem Engagement bei Facebook ab.

6 Gedanken zu „Facebook hat mein Twitter aufgefressen“

  1. Bei Twitter stimme ich weitgehend zu. Wobei ein Vorteil für mich schon auch noch dieses Following-Prinzip ist. Ich will nicht mit Leuten, die ich gar nicht kenne, „befreundet“ sein. Aber vielleicht will ich ihre Tweets lesen.

    Aber bei Blogs muss ich widersprechen. Klar, Facebook hat auch hier Vorteile. Aber es liegt eben alles auf einer fremden Plattform und nicht bei mir. Ich hab meine Texte eigentlich lieber in meiner eigenen Hoheit, also auf meinem eigenen Webserver, wo ich nicht darauf angewiesen bin, dass der Dienst kostenlos bleibt, überhaupt überlebt oder was weiß ich sonst noch mit meinen Texten macht.

    Was die reine Bedienung angeht, geb ich dir aber weitgehend recht. Wobei man nicht vergessen darf, dass längst nicht alle auf Facebook sind und ich durch das Posten meiner Inhalte nur auf Facebook dann einen (noch recht großen) Teil der potentiellen Leser ausschließen würde. Meinen Blog kann jeder lesen – und kommentieren. Sogar anonym.

  2. Ich bin auch der Meinung, dass Blogs ihre Vorteile haben. Hier ging es um die Entscheidung für ein Unternehmen, was, meiner Meinung nach, der beste Weg wäre, um erste Schritte im Web2.0 zu machen. Und da würde ich im Zweifel, wenn man sich für eine Plattform entscheiden müsste, eher zu Facebook als zu einem Blog raten.
    Du würdest also einem Unternehmen eher zum Einrichten eines Blogs als zu einem Facebook-Engagement raten – wenn du dich entscheiden müsstest?

  3. Gerade beim Start sollte vielleicht ein eigenes Blog zum Einsatz kommen, um erste Erfahrungen zu sammeln. Die Geschäftsrelevanz / Nutzen wird m.E. eher mit einer marken-initierten Plattform erreicht (Akzeptanz Mitarbeiter). Und gleichzeitig unterstreicht das eine ernst gemeinte Absicht eines Unternehmens, sich in Enterprise 2.0 – Themen zu engagieren und umfassende Erfahrung (über mehrere Abteilungen hinweg: ich denke an die frühe Einbindung der IT, die mehr und mehr Marketing-Tools mit integrieren/supporten werden) zu sammeln.

    Facebook schliesst eben alle aus, die keinen eigenen Facebook-Account haben. Ein offenes Blog (oder sogar als interne Kommunikationsplattform, bspw. geschlossener Nutzerkreis im B2B Händlerportal) erweitert den Nutzerkreis schon gewaltig und bietet eine ganz andere Relevanz (Branding, Interaktion). Und in Sachen Bedienung ist ein WordPress UI schon zumutbar, es bietet auch anhand des Taggings / Kategorisierens eine wesentlich detailliertere Übersicht (inkl. Plugins) als eine fortlaufender Nachrichten-Stream bei FB. Wie bei jeder Entscheidung muss im Vorfeld das vorrangige Ziel definiert werden.

    Ein paar spontane Gedanken zum Thema…

  4. Es hängt natürlich auch vom Budget ab. Ein Blog verursacht mehr Kosten – sowohl initial als auch bei der weiteren Pflege. Und Enterprise 2.0 (im Sinne der internen Nutzung von Social Media) ist ja sowieso noch einmal eine andere Baustelle.

    Branding etc. ist bei Blogs natürlich höher bzw. einfacher. Die Reichweite ist halt so eine Sache. Kann ich schon viele Menschen ansprechen und suche nur noch nach einer Plattform auf der ich mit ihnen kommuniziere oder muss ich überhaupt erst noch auf mich aufmerksam machen?

    Aber natürlich steht am Anfang das Ziel bzw. muss es stehen. Oft wird das ja vergessen.

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