Des einen Sack Reis ist des anderen Blumenkübel

Irgendwo in Deutschland ist ein Blumenkübel umgeworfen worden.

Dieses relativ banale Geschehen landet im Online-Lokalteil der Münsterschen Zeitung und löst eine Internetwelle aus. Der hauseigene Redakteur Ralf Heimann bringt den Stein ins Rollen, als er Mittwochabend via Twitter schreibt: „In Neuenkirchen ist ein Blumenkübel umgefallen.“

Ohne es zu ahnen, wird sein kurzer Twitter-Beitrag in Windeseile aufgegriffen, viral weiterverbreitet, durch den Kakao gezogen und für kurze Zeit zum Deutschen Online-Sommerstar:

Was ist so interessant an diesem Artikel? Wenn man nicht gerade Einwohner des Antonius-Stifts in Neuenkirchen ist, wohl nichts. Dennoch ist der Werdegang dieses Zeitungsartikels bemerkenswert. Wie und warum scheinbare Banalitäten solche Berühmtheit erlangen, ist selbst im Nachhinein schwer zu klären. Planbar ist es schon gar nicht. Dafür haben Zufall, Glück und Timing viel zu sehr ihre Finger im Spiel. Apropos Timing:

Die Zeit war wohl reif für eine steile Karriere einer derart banalen Nachricht. Denn derzeit wird heftig über ein Leistungsschutzrecht „zur Verbesserung des Schutzes von Presseerzeugnissen im Internet“ debattiert, die Verlage per Gesetz festschreiben lassen möchten. Internetnutzer müssten demnach eine Pauschalabgabe zahlen, um die Erstellung von Qualitätsjournalismus zu finanzieren. Da muss man sich als kritischer Medienkonsument, zu denen viele Twitterer gehören, fragen: Was ist eigentlich Qualitätsjournalismus? Also, wofür genau soll man bitte diese Gebühr bezahlen? Für Nachrichten über zerstörte Blumenkübel?

Ebenfalls interessant ist, dass diese Nachricht gerade in Zeiten einen Twittersturm entfacht, da das Prinzip einer anderen Zwangsabgabe, nämlich der GEZ in arge Erklärungsnot gerät und sich die Öffentlich Rechtlichen Sender die Frage gefallen lassen müssen, warum eine informationelle Grundversorgung so… nun ja… langweilig und oftmals banal sein muss. Das Gutachten von Paul Kirchhoff, das ab 2013 eine allgemeine GEZ-Haushaltspauschale vorsieht, lässt bei vielen den Unmut über die Zwangsabgabe indessen stetig wachsen. Während sich also die klassische GEZ langsam dem gefühlten Ende seines Lebenszyklus nähert, entdecken Verlage ein ähnliches Prinzip für sich, um sich für die Zukunft zu wappnen.

Womöglich steckt also hinter der Geschichte mit dem Blumenkübel mehr als nur die Freude über eine banale Nachricht. Bei einigen Mitgliedern der Internetgemeinde gesellte sich neben dem Spaß, die Nachricht zu variieren und durch den Kakao zu ziehen, vielleicht auch ein kleiner Protest im Deckmantel der Ironie hinzu gegen die oft hehren Qualitäts- und Versorgungsansprüche deutscher Verlage.

3 Gedanken zu „Des einen Sack Reis ist des anderen Blumenkübel“

  1. Zum Blumenkübel-Effekt trug meines Erachtens nach eine Begünstigunge bei, die nicht zu unterschätzen ist. Und das bereits am Anfang: Wer twittert diese Meldung zuerst ?

    Würde eine Bank oder ein Versicherungsträger mit 300 Follower melden “In Neunkirchen ist ein Blumenkübel umgefallen” – die meisten Leser würden verständnislos den Kopfschütteln und sich fragen, was die sie nun von einem wollen, und kaum jemand würde das retweeten um wiederum seine Follower nicht den selben “Unsinn” zuzumuten. Was geht einem einen Blumenkübel in Neunkirchen an ?!

    Wenn nun aber ein Ralf Heimann – bekannt durch seinen subtilen Humor, teils tief- teils hintergründig und meist mit eine gehörige Portion Ironie gewürzt – so etwas bekannt gibt, ist die Erwartungshaltung an etwas Humorvollem vorprogrammiert.

    Man sucht förmlich nach Amüsantem und findet natürlich auch etwas: Die Aufmerksamkeit die eine Onlinezeitung diesem Kübel widmet, angesichts der Weltprobleme die sonst so anstehen. – “Sack Reis !”

    Leicht wird vergessen, dass bei dieser Meldung nur einem kleinen Leserkreis bedacht werden sollte, die dem Vandalismus an einem Seniorenstift in der Umgebung näher steht, als irgend welche “Blutdiamanten” am anderen Ende des Planeten.

    Entsprechend der weit über 1000 Follower die Herr Heiman hatte (inzwischen sind es über 2000) und der Tatsache das man etwas Humoristisches eher weiter gibt als eine trockene Meldung eines Versicherungsunternehmens aus einer Kleinstadt, lässt mich erahnen, dass vermutlich weit über 50% seiner Follower die Meldung retweetet haben.

    Wir sprechen also von … 600 Retweeter ?
    Gehen wir davon aus jeder retweeter hat 300 Follower, sind das 180000 Tweets zum Thema #Blumenkübel.

    Die 2. Stufe: Wer schon öfters einen “Heimann-Retweet” erhalten hat, wird ebenfalls eine gewisse Erwartungshaltung haben und auf Amusement gefasst sein.
    Wahrscheinlich wird auch hier die Retweet-Rate noch noch hoch angesiedelt sein.

    Wenn ich hier mal auf Grund der Erwartungshaltung von 20% ausgehe also 36000, und eine Followerzahl von ebenfalls „nur“ 300, sind in der 2. Stufe 36000 mal 300 = 1.080.000
    Ab dieser Stelle wird die Geschichte zum Selbstläufer.

    Allein die Tatsache, dass über 1.000.000 Tweets zum Thema #Blumenkübel binnen weniger Minuten erschienen, lässt die Lawine bereits mächtig ins Rollen kommen.
    Kein Retweet ist mehr nötig, allein die Statistiken: ” #Blumenkübel auf Platz 1 im deutschsprachigen Raum” machen schon neugierig.

    Die „logische Konsequenz“ war das weiterspinnen humuristischer Ideen zu diesem Thema, das “Bekennervideo”, und nicht zuletzt die daraus resultierende dpa-Meldung und somit auch die Verbreitung in den Medien die ihren eigenen Beitrag zu dem Ganzen geleistet hat.

    Ein “Aufspringen” von Unternehmen auf diesen “Hype”, wie es der Otto-Versand, die Versicherungsabteilung der Sparkasse und nicht zuletzt Sixt-Autovermietung gemacht haben, sind ein kleines Zubrot.

    Ich bedanke mich für’s Lesen meiner Gedanken zu diesem Thema.
    PS: Ich hoffe ich habe die HTML-TAGs nicht falsch gesetzt; falls doch: “sorry dafür”

  2. Die ersten Verbreiter sind tatsächlich ausschlaggebend für den kometenhaften Aufstieg (oder eben nicht) einer Nachricht. Das war z.B. auch bei dem Video „Du bist mein Sonnenlischt“ so. Dieses Video dümpelte monatelang in einem wenig beachteten Forum vor sich hin, bis es der Blogger Matthis Oborski entdeckt und auf seinem Blog ntropie veröffentlicht hat. Dann hat es Spreeblick entdeckt und die Lawine kam ins Rollen.

    Ich vermute, die meisten Retweeter kannten beim Retweeten den ironischen und subtilen Humor von Ralf Heimann nicht und denke, dass nicht der Erste, der die Nachricht verkündet, der entscheidende Part in der Nachrichtenkette ist, sondern die Frage, wie gut vernetzt er ist. Hat er sogenannte Social Hubs unter seinen Kontakten, die die Nachricht entdecken, für interessant genug halten und weitertragen? Insofern denke ich schon, dass die Nachricht über den Blumenkübel theoretisch die gleiche Karriere hätte hinlegen können, wenn sie von einem Versicherungsvertreter getwittert worden wäre – wenn er von den richtigen Leuten gefollowt wird. Wahrscheinlich war die „Followerpower“ der Retweeter, die absurde Banalität und Ähnlichkeit zum Sack Reis der Auslöser für den Kurzhype. Nix genaues weiß man nicht :-)

  3. Ich hab beim üblichen Überfliegen der Facebook- und Twitter-Timeline permanent was von Blumenkübeln gelesen und war dann natürlich schon etwas neugierig, aber erstmal zu beschäftigt.

    Als mir dann gerade ein Link über den Weg lief, der die Neugier zu stillen versprach, hab ich natürlich gleich mal raufgeklickt.

    Aber spannend find ich ja schon, dass es so gut wie nie vorher abzusehen ist, was sich viral verbreiten wird. Auch beim Bloggen weiß man selten, worauf es viel Resonanz gibt und worauf keine.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.